„Man muss nicht alles selbst erfinden“ . CO2 aus der Luft: Wie neue Technologien den Sprung vom Labor in den industriellen Maßstab schaffen
Startups wie Greenlyte Carbon Technologies setzen auf etablierte Industriepartner, um neue Technologien schneller zur Marktreife zu bringen. Tobias Keitel, Chief of Technical Staff bei Greenlyte, erklärt im Podcast des Dichtungsspezialisten IDT, warum sich an den Schnittstellen entscheidet, ob Innovation industriell funktioniert.
Essen/Hamburg, 19. Oktober 2026 – CO₂ aus der Luft abscheiden und daraus Grundstoffe für klimaneutrale Kraftstoffe gewinnen: Die Technologie dafür gibt es. Doch zwischen Laborerfolg und industrieller Produktion liegen entscheidende Herausforderungen. Was im Kleinen funktioniert, muss im Dauerbetrieb zuverlässig, wartbar und wirtschaftlich sein. Damit rücken auch klassische Industriethemen wie Werkstoffe, Bauteile und Dichtungen in den Mittelpunkt.
Greenlyte Carbon Technologies aus Essen entwickelt ein Verfahren, das CO₂ aus der Atmosphäre gewinnt und im gleichen Prozess grünen Wasserstoff produziert. Der Weg zur industriellen Anwendung erfolgt schrittweise: von kleinen Testständen über integrierte Pilotanlagen mit fünf beziehungsweise 40 bis 50 Tonnen CO₂ Jahreskapazität bis zur ersten kommerziellen Anlage. Diese soll im Chemiepark Marl in 2027 in Betrieb gehen.
Warum Skalierung kein Selbstläufer ist
„Was bei der Elektrolyse auf zwei Quadratzentimeter Zellfläche im Labor problemlos funktioniert, kann im großen Format zu Zellschäden oder versagenden Dichtungen führen“, erklärt Keitel. Auch die gleichmäßige Verteilung von Flüssigkeiten über große Absorptionsflächen zur Bindung des CO2 aus der Luft stellt Entwickler vor neue Aufgaben. Hinzu kommen Wetterbedingungen, Genehmigungen und regulatorische Anforderungen.
„Manchmal rennt man fünfmal hintereinander in technische Probleme und erst beim sechsten Mal findet man eine Lösung“, sagt Keitel. Umso wichtiger sei es, Fehler schnell zu analysieren und gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Start-up-Tempo trifft auf Industrieerfahrung
Als Venture-Capital-finanziertes Unternehmen muss Greenlyte in kurzen Abständen Fortschritte nachweisen. „Die Investoren wollen weniger PowerPoints, die wollen Fortschritt sehen“, so Keitel. Gleichzeitig setzt das Unternehmen gezielt auf spezialisierte Industriepartner: Kühlturmbauer für die Absorbertechnik, Elektrolyseurhersteller für die Wasserstoffgewinnung und Dichtungsexperten wie IDT für anspruchsvolle Bauteile.
„Wir müssen nicht alles selbst erfinden. Es gibt Firmen, die sich seit gefühlt 100 Jahren mit Dichtungen beschäftigen. Warum sollten wir mit unserer limitierten Zeit und unserem limitierten Geld eine ganz neue Dichtung erfinden?“, sagt Keitel. Für IDT-CEO Simone Wilson ist diese Zusammenarbeit entscheidend: „An den Schnittstellen unterschiedlicher Technologien entscheidet sich, ob aus einer Innovation am Ende auch industrielle Realität wird.“
Dichtungen kommen bei Greenlyte überall dort zum Einsatz, wo Druck und Medien wie Wasserstoff, CO₂ oder andere chemische Stoffe und Flüssigkeiten eine Rolle spielen. Für großflächige Elektrolyse-Stacks und Zellen sind teilweise kundenspezifische Lösungen erforderlich, die nicht als Standardprodukte verfügbar sind.
Was beide Seiten voneinander lernen können
Keitel wünscht sich von Industriepartnern Offenheit für frühe, noch nicht vollständig ausgereifte Anfragen, Flexibilität bei technischen Anforderungen und kürzere Lieferzeiten. Gleichzeitig könne ein Start-up von etablierten Unternehmen bei Spezifikationen, Sicherheitskonzepten und Genehmigungsverfahren profitieren.
Besonders wertvoll sei deren Erfahrungswissen: Wo ein Start-up einen einzelnen Anwendungsfall betrachtet, kennen erfahrene Industriepartner oft zahlreiche vergleichbare Herausforderungen. Auch bei der belastbaren Bewertung von Reifegraden einer Technologie können etablierte Unternehmen zum Beispiel durch die Bereitstellung oder gemeinsame Erarbeitung von z.B. Prüfprotokollen für beschleunigte Stresstests helfen.
Zusätzlichen Rückenwind erwartet Greenlyte von der Regulierung. Deutschland, Österreich und Luxemburg wollen mehr als zwei Milliarden Euro für den Hochlauf synthetischer Flugkraftstoffe (E-SAF) bereitstellen. Ab 2027 greifen zudem Vorgaben zur Beimischung synthetischer Flugkraftstoffe. Greenlyte steht bereits mit Airlines im Austausch und hat Abnahmevereinbarungen geschlossen.
Der Dialog mit Industriepartnern bleibt dabei ein zentraler Erfolgsfaktor: Denn erst wenn neue Technologien unter realen Bedingungen zuverlässig funktionieren, wird aus einer vielversprechenden Idee ein industriell tragfähiges Geschäftsmodell.
Statements und Zitate aus dem IDT-Podcast mit Tobias Keitel, Chief of Technical Staff bei Greenlyte:
„Man kann eine Idee super schnell im Labor entwickeln. Wir haben am Anfang der Woche eine Idee und zeigen am Ende der Woche im Labor, dass sie funktioniert. Das macht Spaß, das geht schnell – aber das heißt noch lange nicht, dass es 1.000- oder 10.000-mal funktioniert."
„Etablierte Firmen sind wesentlich erfahrungsreicher – gerade bei Sicherheitskonzepten, Spezifikationen und Regularien können wir sehr, sehr viel von ihnen lernen. Diese Erdung tut uns gut."
„Je größer technische Bauteile und Anlagen werdenwird, desto komplexer werden die Herausforderungen. Und bei der Drei-Kammer-Elektrolyse tun wir uns etwas an, wofür es noch keine Vergleichswerte gibt – da kann man auch nicht immer jemanden um Hilfe fragen, da muss man einen iterativen Lernprozess durchlaufen"
„Es braucht einen Dreiklang: Start-ups, die neue Technologien entwickeln, die bestehende Industrie, die Know-how und Fertigung beisteuert, und eine entsprechende Regulierung. Allein schaffen wir es nicht – wir brauchen Partner und wollen sie so früh wie möglich einbinden."
Über Greenlyte Carbon Technologies
Greenlyte ist ein Essener Energy-Tech-Unternehmen und liefert die grünen Moleküle zur Skalierung der E-Fuel-Industrie. Die patentierte Kerntechnologie LiquidSolar™ gewinnt aus Luft, Wasser und erneuerbarem Strom grünes CO₂ und grünen Wasserstoff - die essentiellen Bausteine für E-Methanol, E-Diesel und Sustainable Aviation Fuel. Da diese Rohstoffe heimisch und ohne fossile Importe entstehen, stärkt Greenlyte damit zugleich die Energieresilienz Europas.
Seit der Gründung 2022 hat das Unternehmen über 55 Millionen Euro Kapital eingeworben, neun Patente gesichert und seine Technologie in mehr als 55.000 Betriebsstunden unter Beweis gestellt. Heute arbeitet ein Team von über 80 Fachleuten gemeinsam mit bedeutenden Industriepartnern an der Entwicklung seiner ersten kommerziellen Anlagen.
Bis 2050 will Greenlyte jährlich 100 Millionen Tonnen CO₂ in die Grundstoffe der E-Fuel-Wirtschaft verwandeln.
Über IDT
Mit vier Standorten in Europa, einem Standort in China und einem Vertriebsnetz von mehr als 40 Partnern weltweit zählt die IDT-Gruppe zu den international führenden Technologiespezialisten in der Entwicklung und Herstellung von Dichtungslösungen. Größter Produktionsstandort des Unternehmens, das seinen Ursprung in Essen hat, ist das IDT-Werk im sächsischen Annaberg-Buchholz. Das Unternehmen, das mehr als 200 Mitarbeitende beschäftigt, ist führend in der Entwicklung und Herstellung technisch hochwertiger Industriedichtungen – für den Instandhaltungsbedarf ebenso wie für die Herausforderungen von Industriearmaturen-, System- und Komponentenhersteller. Das Unternehmen steht für technische Kompetenz, Qualität und partnerschaftliche Zusammenarbeit.





